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"Immer muss ich das machen, was ihr wollt!" - Ein Herbststurm zieht durch unsere Gemüter

Immer muss ich das machen, was ihr wollt! 
Ich kenne diesen Satz mittlerweile in sämtlichen Stimmungs- und Tonlagen. In den letzten Tagen scheint ein Herbststurm über unsere Gemüter hinwegzuziehen. Gedanken und Gefühle werden wie buntes Herbstlaub durcheinander gewirbelt. Der Regen prasselt gegen die Scheibe, so wie die kleinen Fäuste auf den Tisch.  Im nächsten Moment verschwinden die Regenwolken und Tränen und die Sonne blitzt durch die Wolken, so wie das Lachen der Kinder, dass wie von Zauberhand und ganz plötzlich im Gesicht erscheint.
Bei Groß ist dieses Gefühlschaos gerade besonders schlimm. So viele Eindrücke und soviel Neues, dass mit der Schule auf ihn einstürmt. Wie der Herbstwind. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Sonnenschein und Regenschauer.
Immer muss ich das machen, was ihr wollt! 
Ja, diesen Satz hören wohl alle Eltern mal, egal in welchem Alter oder in welcher Phase sich die Kinder gerade befinden. Ist ja irgenwie auch normal.
Ich möchte das selbst bestimmen! 
Ist das eine neue Autonomiephase? Oder bin das ich selbst, die bestimmte Muster im Kopf hat, die ich Groß "auferlege" und bestimme, dass er dieses oder jenes tun soll, was er eigentlich sehr gut und selbstbestimmt allein entscheiden könnte.

Ich grüble nun schon eine ganze Weile und sehr vieles von dem, was Groß selbstbestimmt machen möchte, entspricht nicht MEINEM Muster, MEINER Vorstellung, wie Groß sein sollte, nicht MEINEM Tagesablauf. Es sind keine gefährlichen Situationen, die sein Leben bedrohen, nichts was ihn oder Klein in Gefähr bringen könnte. Nichts, was unsere Familienwerte betrifft und über Bord werfen würde.

Es sind Kleinigkeiten, banale Dinge, die er selbst entscheiden möchte. Die er mit Selbstbestimmtheit meistern möchte. Oder an deren Scheitern er lernen und wachsen könnte.

Hausaufgaben zum Beispiel. Meine Wunschvorstellung ist, dass er nach dem Mittagessen Hausaufgaben macht. Bevor das Nachmittagsprogramm mit Freunden oder Hobbies startet.
Zwischen Mittagessen und Hausaufgaben haben wir 20 Minuten freie Zeit ausgemacht, in der Groß das machen kann, was er möchte. Trotzdem kommt Genöle und Gemotze. Sobald es mehr wie eine Hausaufgabe gibt, fangen die Diskussionen an. Jetzt und gleich alles auf einmal. Oder aufteilen und den Rest, das zweite Blatt später.
Ich beharre auf meiner Wunschvorstellung und erkläre Groß, dass die Hausaufgaben erledigt sein sollen, bevor es nachmittags weiter geht.

Immer muss ich das machen was du willst. Ich will das zweite Blatt später machen. 
Ich grüble, was wäre so schlimm daran, das zweite Blatt später zu machen? Zu müde, zu kaputt. Wir quetschen das zweite Blatt zeitlich noch schnell vor dem Abendessen rein. Haben keine Ruhe.
Stimmt alles. Aber meine ganze Argumentation bezieht sich (nach vielem Nachdenken und harter Selbstkritik) auf mich selbst. ICH bin dann abends zu  müde und kaputt um zu helfen. ICH sehe mich zerrischen zwischen kochen und Haushaufgabenhilfestellung. ICH habe keine Ruhe, weil ich zehn Dinge auf einmal erledigen will.

Oder die Jacken-Mützen-kaltes-Wetter-Diskussion. Groß möchte sein Halstuch bis zu den Augen hochziehen. Groß möchte Handschuhe anziehen, die dünne Sommerjacke geht aber schon noch. Nach hitziger Disskussion ist das Halstuch am Hals, die Handschuhe im Schrank und die Herbstjacke am Kind.
Immer muss ich das machen, was ihr wollt. Ich will das anziehen, was ich möchte! 
Was ist so schlimm an diesem Ich-zieh-mein-Halstuch-auch-über-Mund-und-Nase. Was ist so schlimm an Handschuhen und wo das Problem mit der Sommerjacke. Ich muss es mir selbst eingestehen, dass Problem bin ICH.
ICH finde, dass das mit dem Halstuch komisch aussieht. ICH finde er braucht keine Handschuhe und ICH will dass er nicht krank wird. ICH will mich nicht schon wieder um ein krankes Kind kümmern müssen.

Und so wie die beiden oben geschilderten Situationen gibt es viele, viele kleine Alltagssituationen in denen ich meine Vorstellung durchsetze. Obwohl es wirklich nicht schlimm wäre und keinerlei gefährlichen Konsequenzen hätte, wenn Groß selbstbestimmt Dinge entscheiden könnte, die ihn betreffen.

Aber irgendwie muss Groß in meinem Kopf in ein bestimmtes Muster passen, ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen und Dinge so erledigen, wie ich das gerne hätte. Nur damit es für mich möglichst "einfach", reibungslos und unproblematisch abläut und damit niemand etwas Schlechtes über Groß und uns sagen kann. Der Gedanke, dass jemand, Freunde, Familie, Bekannte hinter her vorgehaltener Hand über uns tuscheln könnten, ist so schlimm für mich, dass es mir den Magen umdreht.

Es ist für mich sehr, sehr schwer diese Gedanken und Gefühle zu zulassen, auf Papier zu bringen, mir einzugestehen, dass ich das Problem bin. Es sind Momente der Einsicht vieles nicht richtig zu machen. Momente, in denen ich mich schäme und nicht weiß, wie ich dieser Situation wieder entfliehen kann. Momente, in denen ich gerne wieder alleine wär, gerne nur für mich und mein Handeln die Verantwortung hätte. Schlimme Gedanken, die man nicht so leicht abstellen kann, die man nicht von jetzt auf nachher ändern kann, kein neues Verhaltensmuster, dass auf Knopfdruck funktioniert. So wahnsinnig gerne würde ich sagen und denken, ist doch egal, was andere Leute von uns denken und ob sie über uns reden oder nicht. So wahnsinnig gerne. Aber sofort ist da diese fiese Stimme in meinem Kopf, die diese Gedanken torpediert, mir den Magen umdreht und Kopfschmerzen verursacht. Es fällt mir so unendlich schwer und belastet mich und unsere Familie.

Ich will alles versuchen meinen Kindern mehr Selbstbestimmheit und Freiheit zu geben, auch wenn es für mich manchmal schwieriger wird, länger dauert oder einfach mehr Kraft kostet. Und ich will alles versuchen, diese fiese Stimme aus meinem Kopf zu bekommen, die mir und meiner Familie die Gelassenheit, Selbstbestimmtheit und Fröhlichkeit nimmt. Die mir und einem friedlichen, fröhlichen und fairen Umgang mit den Kindern im Wege steht.
Das bin ich meinen Kindern, auf ihrem Weg zur Selbstständigkeit schuldig. Und mir selbst auch! Auf meinem steinigen Weg zu mehr Gelassenheit.
Ich hoffe so sehr, dass in unseren Gemütern bald wieder die Sonne scheinen wird, dass der Sturm vorbei zieht. So wie sich die letzten Tage von ihrer goldenen und sonnigen Seite zeigt

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