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Sie sind uns nur geliehen - die kostbarste Leihgabe unseres Lebens

Ich weiß gar nicht mehr wann genau ich diesen Satz gelesen habe und wo. Aber er ist mir im Kopf geblieben. Er schleicht sich immer wieder in meine Gedanken. Meistens dann, wenn ich meinem Ärger Luft mache, wenn hier die Türe knallen, gemotzt und gemeckert wird. Wenn ich tief in meinem Inneren weiß, dass ich Klein und Groß wegen meiner eigenen schlechten Laune gerade ungerecht behandle, schreie, schimpfe und maßregle.
Dann sagt diese leise Stimme zu mir:
Sie sind uns nur geliehen! 
Geh' vorsichtig damit um, behandle sie gut, mach's nicht kaputt. Sei sorgsam. Das sagt sie, diese Stimme, mitten in meinem Wutausbruch, mitten in diese Gewitterstimmung.
Irgendwie ist es richtig. Kinder sind die schönste, anstrengendste, wunderbarste, herausfordernste, lustigste, warmherzigste, bedeutsamste und kostbarste Leihgabe der Welt. Aber sie haben ihr eigenes Leben. Und wir haben das große Glück sie ein Stückchen begleiten zu dürfen.

Die Liebe und das Band zweier Menschen hat uns diese Leihgabe gegeben. Wir dürfen sie in den Händen halten, aus und mit ihr lernen, wir dürfen wachsen, so wie diese Leihgabe selbst auch wächst, mit und wegen uns. Wir dürfen Zeit, Spaß und besondere Momente mit dieser Leihgabe verbringen. Sie wurde uns anvertraut, weil wir etwas Besonderes sind, weil wir darauf aufpassen und sie wie unseren Augapfel hüten. Weil sie unser Leben bereichert, schöner, heller und aufregender macht. Weil uns diese Leihgabe eine besondere Aufgabe gibt. Weil wir diese kostbare Leihgabe beschützen und lieben dürfen.

Doch irgendwann, werden werden wir sie zurück geben müssen, diese Leihgabe, unsere Kinder. Sie sind uns nur geliehen, sie werden erwachsen, flügge, selbstständig, bereit für ihr eigenes Leben. Für Ihre Richtung, die sie eingeschlagen haben. Bereit für Ihren eigenen Weg, den sie gehen müssen weil sie auf eigenen Beinen stehen.
Es ist die wohl schmerzlichste Rückgabe für uns Eltern. Wir können unendlich stolz darauf sein, dass uns diese Kinder geliehen wurden. Dass wir sie begleiten durften, ein Stückchen auf Ihrem Weg in ihr eigenes Leben. Ein Stückchen durch schwere Zeiten, durch Kinderkrankheiten und Herzschmerz, durch den Kindergarten und die Schule, durch den alltäglichen Wahnsinn, durch Ferien, Urlaube und schöne Momente.

Und doch gehe ich mit dieser besonderen Leihgabe manchmal um, wie ich niemals mit etwas Geliehenem umspringen würde. Ich schimpfe, motze, zetere, schreie, bin ungerecht und unfair. Manchmal finde ich nicht die notwendige Liebe und Sorgfalt, die sie eigentlich verdient, diese Leihgabe. Oft genug versuche ich diese Leihgabe zu verbiegen. Ich hätte sie gerne anders, freundlicher, netter, respektvoller, umgänglicher. Doch sie ist gut so wie sie ist! Genau in diesem Format, mit diesen Eigenschaften und mit diesem Aussehen.
Niemals würde ich auf die Idee kommen einem Buch aus der Bücherei einen neuen Einband zu verpassen, Zeilen durchzustreichen und neue hinzuzudichten. Und doch passiert mir genau das bei meinen Kindern immer wieder. "Sie müssten doch...", "Warum sind sie so?", "Warum können sie nicht anders sein?"

 Und dann schleicht sich wieder dieses leise aber feste Stimmchen ein:
Sie sind uns nur geliehen!  
Lass sie sein, wie sie sind! Hilf ihnen diese Welt zu verstehen, vermittle Ihnen Werte, hilf ihnen ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Lerne von und mit ihnen.

Wenn ich mich besinne und darüber nachdenke, weiß ich ganz genau, wie ich diese kostbarste Leihgabe des Lebens gerne zurückgeben möchte: Gestärkt, voller Selbstbewusstsein, gerecht, freundlich, mit viel Optimismus und positiver Lebensenergie und mit dem Wissen, dass sie gut sind, wie sie sind. Dass sie sich nicht verbiegen müssen, mit einem Ziel vor Augen und dass sie alles schaffen können!



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